DGA Aktuell

Call for Papers: Interdisziplinärer Workshop „Postkolonialismus und China?“

Datum:            15. und 16.01.2016
Ort:                  Universität Bielefeld
Deadline:        15.09.2015

Obwohl die geschichts- und sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit China in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, ist auffällig, dass China dabei bisher kaum aus postkolonialer Perspektive betrachtet wurde. In dem geplanten Workshop soll daher der Versuch unternommen werden, Chancen und Grenzen einer postkolonialen Perspektive auf China und den Westen zu diskutieren, Forschungspotentiale im deutschsprachigen Raum zu identifizieren und an diesem Feld interessierte Forscherinnen und Forscher zu vernetzen.

China kann unter Bezugnahme auf verschiedene „post-„ Metaphern beschrieben werden, die jeweils verschiedene Vergleichshorizonte implizieren. Die in der Soziologie häufiger vertretene Auffassung Chinas als post-sozialistisch impliziert Vergleiche mit der ehemaligen Sowjetunion und osteuropäischen Staaten und eine Fokussierung auf Prozesse der wirtschaftlichen Transformation und Globalisierung. Eine Auffassung als post-kolonial impliziert dagegen Vergleiche mit ehemaligen Kolonien, etwa Indien und eine Thematisierung von politisch-kultureller Herrschaft und globalen Wissensregimen.

Da China aber nie voll kolonialisiert war, stellt sich die Frage, ob sich, erstens, der Begriff des Postkolonialen überhaupt auf China anwenden lässt und welche Gewinne dies verspricht. Und ob, zweitens, die postcolonial studies durch eine Beschäftigung mit China neue Einsichten gewinnen können.

Eine postkoloniale Perspektive erlaubt es, den Zusammenhang zwischen politisch-militärischen und ideologischen Formen der Herrschaft über China im Wandel der Zeiten zu thematisieren. Zudem können chinesische Versuche, diese Konstellationen von Macht und Wissen zu verändern oder zu durchbrechen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Ergänzend zu der dominanten Perspektive, die eher die Diskontinuitäten der letzten Jahrzehnte betont, könnte eine postkoloniale Perspektive auch nach Kontinuitäten in den Formen des Umgangs mit dem (Halb-)Kolonialen in China fragen.

Ein Erkenntnisgewinn für die postcolonial studies scheint zumindest naheliegend, da China sich in einigen Hinsichten von typischen postkolonialen Ländern unterscheidet. Es war nie eine volle Kolonie, stattdessen variiert der Kolonialstatus regional. Während Hongkong offensichtlich als postkolonial bezeichnet werden kann, ist dies für andere Teile Chinas zumindest ungewiss. Zudem erlebte China seine Dekolonialisierung teilweise aus eigener Kraft und in Konflikt mit dem kapitalistischen Westen. In Folge dessen waren westliche Beobachter und Wissensproduzenten zudem über mehrere Jahrzehnte hinweg aus dem Geschehen innerhalb des Landes ausgeschlossen.

Daher scheint es naheliegend, von einer Beschäftigung mit China neue Impulse für die Weiterentwicklung einer Theorie der postkolonialen Gesellschaft zu erwarten.

Diskussionen im Workshop sollen die folgenden Fragen behandeln, ohne auf diese beschränkt zu sein:

  • Inwieweit eignet sich der Begriff des „Postkolonialen“ um Aspekte des historischen und des heutigen Chinas zu beschreiben, inwieweit ergänzen sie die Auffassung als postsozialistisch?
  • Können die postcolonial studies durch eine Auseinandersetzung mit China neue Einsichten gewinnen? Und wenn ja, welche?
  • Welche Bemühungen um eine „gleichberechtigtere“ Beziehung zu ehemaligen Kolonialmächten gab es, welche Folgen hatten sie und inwieweit lassen sich hier Kontinuitäten über Regierungswechsel und Reformen hinweg feststellen?
  • Wie wirkt sich das postkoloniale symbolische Regime auf das Alltagsleben in China und auf chinesische Diskurse um Modernität, „Zhongguo Meng“ (China Dream), „Kosmopolitanismus“, „Mittelschicht“ usw. aus?
  • Inszeniert sich China bewusst (nach innen oder außen) als postkolonial und wenn ja warum?
  • Vergleiche zwischen China und postkolonialen Ländern und zwischen unterschiedlich kolonialisierten chinesischen Provinzen

Im Rahmen des Workshops soll anhand von Working Papers der Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutiert werden. Die Working Papers werden im Vorfeld zirkuliert. Jedes Working Paper wird von zwei KommentatorInnen besprochen und anschießend in der Gruppe diskutiert werden. Der Workshop soll dabei nicht nur China-ForscherInnen mit Interesse an postkolonialer Theorie sondern explizit auch TheoretikerInnen der postcolonial studies ansprechen und zu einer gemeinsamen Diskussion über theoretische Begriffe und ihre Eignung zur Beschreibung Chinas einladen. Dabei sollen sowohl geschichts- als auch sozialwissenschaftliche Blickwinkel thematisiert und in ihrer wechselseitigen Relevanz für einander berücksichtigt werden.

Da der Workshop explizit daran interessiert ist, eine Diskussion um Postkolonialismus und China auch im deutschsprachigen Raum zu initiieren und Potentiale für eine solche Diskussion zu identifizieren, wird der Workshop in deutscher Sprache stattfinden. Papers sollen von den VerfasserInnen selbst kurz vorgestellt und anschließend von einem Kommentator/einer Kommentatorin besprochen werden, bevor sie in der Gruppe diskutiert werden. Eine Veröffentlichung ist in Anschluss an den Workshop geplant.

BewerberInnen sollten bis zum 15.09.2015 ein Abstract von maximal 250 Wörtern Umfang sowie einen kurzen Lebenslauf von maximal 100 Wörtern Umfang an lili.zhu@uni-bielefeld.de senden. Den InteressentInnen wird bis zum 1.10.2015 Bescheid gegeben werden. Working Papers der akzeptierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten bis zum 15.12.2015 eingereicht werden.

TeilnehmerInnen haben die Möglichkeit, Erstattung für die Fahrt- und Übernachtungskosten zu beantragen.
OrganisatorInnen:
Lili Zhu, Fakultät für Geschichte
Junchen Yan, Fakultät für Soziologie
Marius Meinhof, Fakultät für Soziologie

Kontakt:
lili.zhu@uni-bielefeld.de

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