DGA Aktuell

Konferenzbericht der DGA-Tagung 2007


Wissenschaftliche Tagung der DGA: Megastädte in Asien

Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin, 10.-12. Mai 2007

Konferenzbericht von Stefan Tetzlaff und Christine Berg, ASIEN 105 (S. 104–116)

Laut Vereinten Nationen werden im Jahr 2007 erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land leben. Man spricht daher auch von einem „urban turn“ und charakterisiert die anhaltende Migration in die Städte unter anderem mit der Wendung „The world goes to town“ („The world goes to town – A special report on cities“, The Economist vom 5. Mai 2007.). Megastädte, d.h. Städte mit mehr als 5 Millionen Einwohnern, spielen dabei eine große Rolle; von ihnen soll es bis 2015 insgesamt 60 geben. Asien ist von dieser Entwicklung ganz besonders betroffen, da hier sowohl mit der intensivsten Wachstumsrate als auch mit der höchsten Anzahl an Megastädten zu rechnen ist (Siehe ASIEN 103 mit dem Thema „Megacities in Asia“ (ASIEN, Nr. 103, April 2007)). Diese Prognosen sowie die derzeitige Beschäftigung mit dem Thema in Wissenschaftskreisen nahm die DGA zum Anlass, ihre diesjährige wissenschaftliche Tagung auf Einladung und mit Unterstützung des Japanisch-Deutschen Zentrums in Berlin entsprechend auszurichten. Zum Tagungsauftakt am Abend des 10. Mai hielt der ehemalige Bundesumweltmi- nister und langjährige Direktor des UN-Umweltschutzprogramms UNEP, Prof. Dr. Klaus Töpfer (derzeit Tongji Universität, Shanghai), eine Keynote Speech zum Thema „Umwelt und Entwicklung in Asien“. Sein Beitrag richtete sich vor allem auf die beiden aufstrebenden Länder China und Indien und veranschaulichte den Zusammenhang von hohen Bevölkerungszahlen, zunehmender Wirtschaftskraft und damit einhergehenden Umwelteinflüssen. Nach einer Begrüßung durch Dr. Friederike Bosse (Generalsekretärin des JDZB) und Dr. Theo Sommer, Vorsitzender der DGA, begann der zweite Tag der Tagung mit einem Panel unter der Leitung von Ulf Meyer (Architektur und Text, Berlin). Einen einführenden Überblick gab Prof. Dr. Frauke Kraas (Megacities Task Force, DFG-Schwerpunktprogramm, BMBF-Pearl-River-Pune-Projekt, Universität zu Köln) mit ihrem einführenden Vortrag zum Thema „Megastädte in Asien – For- schungsfronten: Nachhaltigkeit, Informalität und Risiken“. Nach der Vorstellung der vorhandenen Netzwerke sowie Forschungsprogramme in der deutschen Wissenschaftslandschaft und dem Verweis auf die im europäischen Vergleich herausragende Kompetenz deutscher Institutionen skizzierte Prof. Kraas gemäß der Wendung „Die Welt wird Stadt – Die Stadt wird Welt“ zahlreiche Forschungsfron- ten entlang der Frage, wie Megastädte den globalen Wandel beeinflussen, aber auch vom globalen Wandel beeinflusst werden. Dabei stellte sie ökologische, ökonomische, soziale, kulturelle und politische Implikationen heraus und wandelte über eine Vielzahl von Clustern wie z.B. Nachhaltigkeit und Umweltschutz, soziale Kohärenz und Fragmentierung, welche sie problematisierte und bei denen sie weitergehende Forschungsdesiderate formulierte. Schließlich elaborierte Prof. Kraas über die immense Bedeutung der Megastadt für eine globale nachhaltige Entwicklung. Doch müsse in diesem Zusammenhang auch neu über das Verständnis von Urbanisierung nachgedacht werden, da die bisherigen Ansätze auf zum Teil überholten Vorstellungen beruhten. Im Rahmen einer Nutzung der bisherigen deutschen Expertise und einer kohärenten Vernetzung auf dem Gebiet mahnte sie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Gesellschaft die Tendenzen ernst zu nehmen. In einem Fallbeispiel vermittelte Prof. Junichiro Okata (Department of Urban Engineering, University of Tokyo) dann mit dem zweiten Vortrag zu „The Growth Process of Tokyo and Key Issues in this Century“ einen gründlichen Eindruck über die historische Entwicklung Tokyos bis zu der heute mit ca. 34 Millionen Einwohnern größten Metropolregion der Welt. Besonders einprägsam stellte er heraus, wie sich der Stadtbereich durch mehrere Suburbanisierungsschübe sukzessive vergrößerte. Ebenso nachdrücklich veranschaulichte er die Entvölkerung des innerstädtischen Bereichs in den Jahren von 1980 bis 1995 aufgrund der exorbitant gestiegenen Kosten für Wohnraum in Folge der Bubble Economy sowie die Rückkehr der Menschen seit 1995. Als Schlüsselthemen für die Entwicklung Tokyos im 21. Jahrhundert skizzierte Prof. Okata unter anderem die mit der unkontrollierten Intensivierung in Folge de-regulierter Flächennutzung zusammenhängenden Konflikte mit lokalen Nachbarschaften, die Verletzlichkeit des städtischen Raumes durch Hauseinstürze und Feuerausbrüche sowie die Frage nach der Nachhaltigkeit der massiven und hoch entwickelten Transport- und Infrastruktur unter den Bedingungen rückläufiger Bevölkerungszahlen. Am Nachmittag übernahm Prof. Dr. Rüdiger Korff (Universität Passau) die Leitung des zweiten Panels. Er übergab das Wort als erstes an Thomas Knorr-Siedow (Institut für Regionalentwicklung, Erkner), der einen Vortrag über „Ho Chi Minh City: Nachhaltige Wohnraumentwicklung in Balance zwischen städtischem Wachstum und Innenentwicklung“ hielt. Die im Rahmen der Forschungsabteilung „Koevolution von Wissen und Raum“ unternommenen Analysen zielen auf die Schaffung einer „liveable neighbourhood“ im früheren Saigon ab, die den Bedürfnissen einer modernen Stadt gerecht wird, aber gleichzeitig gewachsene Strukturen berücksichtigen soll. Hierbei identifizierte Knorr-Siedow vor allem die nicht den klimatischen Umständen angepasste und sehr enge Bebauung, den zu erwartenden hohen Zuzug von Menschen aus dem Umland sowie die Probleme des hierarchischen und sektoralen Planungssystems im Zusammenhang mit der Zentralregierung als Schwierigkeiten. Positiv hingegen seien Elemente der Selbstorganisation und der sozialen Kontrolle wie Zusammenschlüsse von Frauen als Keim für demokratische Strukturen sowie die in den Quartieren vorhandene Kombination aus Wohn- und Arbeitsstätten, die eine hohe Lebensqualität zeitigen. Vermittels eines experimentellen Wohnungs- und Städtebaus (ExWoSt) wird versucht, all diese Aspekte miteinander zu vereinbaren. Mit dem letzten Beitrag des Tages zum Thema „Megastädte – Ankerstädte: Prioritäten in der Entwicklungszusammenarbeit“ betrachtete Ulrich Nitschke (Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, InWEnt, Bonn) die Thematik in Analogie zu dem in der Entwicklungszusammenarbeit gebräuchlichen Begriff der Ankerländer. Aufgrund der strategischen Bedeutung für die wirtschaftliche und politische Entwicklung sowie für die ökologischen und sozialen Probleme ganzer Regionen und darüber hinaus für benachbarte Staaten könnte eine Applikation der Ankerland-Definition auf Megastädte seitens der EZ von Nutzen sein, sodass Ankerstädte – wenn gut regiert – positive regionale Entwicklungen initiieren könnten. Als Chance erkannte er diesbezüglich, dass Megastädte Zentren der Innovation sind und eine große Vielfalt an menschlichen Potenzialen, Kreativität, sozialer Interaktion und kultureller Verschiedenheiten bieten. Als Risiken erkannte er neben ökologischen auch sozioökonomische Probleme. Führten Letztere zu Konflikten, müsse u.U. auch von „failing“ oder „failed cities“ gesprochen werden. Schließlich plädierte Nitschke für eine tiefer gehende Beschäftigung mit dem Thema, da Megastädte eine immer wichtigere Rolle einnehmen würden und hier über ein Erreichen der Millenium Development Goals entschieden wird. Bis in den Abend hinein wurde dann die Mitgliederversammlung der DGA abgehalten. Hierbei gab es Berichte und Diskussionen zu vereinsinternen Angelegenheiten. Schließlich wurde der neue Vorstand der DGA gewählt, der sich daraufhin zu seiner Konstituierenden Sitzung traf (siehe Sonderteil dieser Ausgabe). Am 12. Mai 2007 fanden am Samstagvormittag zwei parallele Workshops statt. Workshop 1 stand unter dem Themenkomplex Informalisierung der Arbeit, Migration und soziale Sicherheit, bei dem Dr. Günter Schucher (GIGA Institut für Asien-Studien, Hamburg) als Chair fungierte. Dr. Schucher führte mit Worten zu Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten in Asien in das Panel ein. Zum Thema „Informelle Migration in Südchina“ zeigte Prof. Dr. Bettina Gransow (FU Berlin, Ostasiatisches Seminar) für den Bereich des Perlfluss-Deltas fünf Ebenen von Informalisierungsprozessen auf (Meldesystem, Beschäftigung, Netzwerke, Siedlungsstrukturen, soziale Infrastrukturen) und beleuchtete diese über drei Perspektiven (soziale Transformation des Perlfluss-Deltas, Arbeits- und Wohnformen der Migranten in der Provinz Guangdong, Transformation eines städtischen Dorfes in der Stadt Guangzhou). Anschaulich skizzierte Prof. Gransow die Zuwanderungsgründe und ging anschließend umfassend auf die Vorteile dieser Informalisierungsprozesse wie z.B. das Aufzeigen von Perspektiven und Wegen aus einem Landleben mit geringen Entwicklungschancen und auf die Nachteile wie z.B. prekäre Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen sowie Rechtsunsicherheit ein. Wie auch später Prof. Derichs wies Prof. Gransow abschließend darauf hin, dass individuelle Lösungen gefunden werden müssen, die den Mobilitäts- bzw. flexicurity-Problematik entsprechen. In ihrem Vortrag „Flexibilisierung und soziale Sicherung in Südostasien – race to the bottom?“ schilderte Prof. Dr. Claudia Derichs (Universität Hildesheim, Institut für Sozialwissenschaften), wie die Flexibilisierung von Arbeitsformen und Arbeitsmärkten je nach Standpunkt als Bedrohung oder als Allheilmittel, als Instrument oder Herausforderung betrachtet wird. Ein erheblicher Problemdruck ist dadurch auf nationaler Ebene insbesondere im Bereich der sozialen Sicherung für die „flexibel arbeitenden“ Menschen entstanden. Prof. Derichs ging am Beispiel dreier asiatischer Staaten den Problemfeldern, die im Zuge von sozialem Wandel und Flexibilisierung besonders augenfällig geworden sind, nach. Dargestellt wurden die Beispiele Japans (als fortgeschrittene Industriegesellschaft), Chinas (als Schwellenland) und Thailands (als fortgeschrittenes Entwicklungsland) mit ihren unterschiedlich hohen Arbeitslosenzahlen und Differenzen im Gesundheitssektor. Es wurde deutlich, dass diese drei Staaten in ihrer Absicherung unterschiedlich ausgerichtet sind und Unterschiede auch im Stadt-Land-Gefälle aufweisen. Am Ende des Workshops 1 stellte Prof. Dr. Winfried Flüchter (Universität Duisburg-Essen, Institut für Geographie, Lehrstuhl Kulturgeographie) seinen Vortrag unter die Frage „Alternde Gesellschaft, schrumpfende Städte? Japan als Vorreiter demographischer Entwicklungen in Ostasien?“. Zuerst skizzierte er die bekannte „Fluggänseformation“ und fragte, ob Japan hier für dieses Modell auch als Leitvogel für Alterung und Schrumpfung stehen könne. Das weltweite Phänomen der schrumpfenden Städte sei historisch nicht belegt, sondern ein neues Phänomen in Friedenszeiten, was als Herausforderung für die Stadtforschung gesehen werden kann. Schrumpfende Städte in Japan haben ihre Ursachen und Probleme in Regionen mit Brancheneinbrüchen und Wirtschaftsdepressionen. Am Ende stellte Prof. Flüchter fest, dass Schrumpfung als Chance gesehen werden könne und Fragen nach Sozialverträglichkeit und Erhöhung des Umweltbewusstseins mit sich ziehe. Unter dem Vorsitz von Prof. Kraas befasste sich Workshop 2 mit dem Thema Infrastruktur, Umwelt und Gesundheit. Zunächst widmete sich Dr. Thomas Krafft (Geographisches Institut, Universität zu Köln) in seinem Vortrag „Urbane Gesundheit in China und Indien“ dem Problem von zunehmender Urbanisierung und den Auswirkungen auf die Gesundheit des „homo urbanus“. Ausgehend von einem Arbeitspapier der Weltbank schilderte er die zu erwartenden drastischen Entwicklungen der kommenden Jahrzehnte und die Komplexität urbaner Gesundheit (What makes cities healthy?“, World Bank Policy Research Working Paper 4107, January 2007). Sodann ging er auf die neuen Dimensionen der Gesundheitsproblema- tik in der Stadt ein, welche vom so genannten „urban penalty“ geprägt sind und sich auf Bereiche wie schlechte Wasserversorgung und Luftverschmutzung beziehen. Er stellte fest, dass in den schnell wachsenden Metropolen Indiens und Chinas eine doppelte Belastung für die Gesundheit besteht und dies zu einer höheren Krankheitsbelastung in Städten im Vergleich zu ländlichen Gebieten führt. Schließlich stellte er das Projekt „Governing Emerging Megacities“ im chinesischen Pearl-River-Delta sowie im indischen Pune vor, das auf Wasser- und Gesundheits- versorgung sowie Wohnungsbau fokussiert ist. Im zweiten Vortrag „Metrasys: How to plan sustainable transportation in a rapid growing metropolitan area like Shanghai“ führte Prof. Dr. Reinhart Kühne (Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt e.V., Berlin) in das von ihm geleitete Projekt Metrasys (Mega Region Transport Systems for China) ein, das die Entwicklung und Demonstration von Lösungen für nachhaltige Mobilitätskonzepte in qualitativ unterschiedlichen Ballungsräumen wie Jiading im Einflussbereich Shanghais und der Transferstadt Hefei (ca. 3 Mio. Einwohner) zum Ziel hat. Die spezifischen Ziele des Projektes sind die Adaption und Entwicklung moderner Herangehensweisen und Technologien, die sich an den Mobilitätsbedürfnissen der Bevölkerung orientieren, Szenariensimulation, Analyse des Einflusses auf Nachhaltigkeit sowie die Realisierung effektiver Konzepte. Als wichtige Schlüssel zur Stadtentwicklung werden der Personen- und Güterverkehr verstanden, woraus sich besondere Schwerpunkte im „Transit Oriented Development“ (u.a. Zusammenführung von Stadt- und U-Bahn, Regional- und Schnellbahn in einem Bahnhof führt), im Traffic Management sowie in der Entwicklung besonderer Logistikkonzepte ergeben. Schließlich stellte Dr. Bärbel Schweiger (European Institute for Energy Research, Electricité de France – University of Karlsruhe, Germany) in ihrem Vortrag „Sustainable Holistic Approach & Know-how Tailored to India – ‘SHAKTI’: Nachhaltige Infrastrukturplanung in Hyderabad“ ein südindisches Projekt vor, das sich mit der Entwicklung integrierter Konzepte und Implementierungsstrategien sowie mit der Verbesserung und dem Ausbau in Bereichen wie Transport, Abwasser sowie Energie befasst. Ziel ist, die lokalen politischen und institutionellen Entscheidungsträger durch gemeinsame Entwicklungs- und Lernprozesse bei ihren Planungen zu unterstützen. Aufgrund der zu erwartenden Verdoppelung der Bevölkerung Hyderabads bis 2025 und einer wahrscheinlichen Entwicklung in den Wachstumsbranchen IT, Biotechnologie und Pharma müssten gleichzeitig räumliche Konzepte für Infrastrukturmaßnahmen in der bereits existierenden Stadt sowie Lösungen für Stadterweiterungen berücksichtigt werden. Während sich im Anschluss an die Workshops rund 15 Mitglieder des DFG- Schwerpunktprogramms „Megacities – Megachallenge“ zu einem internationalen Mikro-Workshop trafen, kamen die restlichen Teilnehmer der beiden Workshops nochmals in einer Schlussrunde zusammen, um sich gegenseitig über die jeweiligen Themen zu informieren. Daraufhin resümierte der neue Vorsitzende der DGA, Dr. Christian P. Hauswedell, die Tagung und entließ die Teilnehmer. Zur weiteren Diskussion trafen sich noch die drei Arbeitskreise der DGA (Arbeitskreis Sozialwissenschaftliche Chinaforschung, Nachwuchsgruppe Asienforschung, Neuzeitliches Südasien). Stefan Tetzlaff und Christine Berg

0